Sprachreise unter
Kronleuchtern und zwischen Armut
Ich war dieses Jahr für
sechs Wochen in Russland. Diese Sprachreise konnte ich im
Rahmen meines Studiums absolvieren. Ich studiere russisch im
fünften Semester. Da russisch eine sehr schwere Sprache ist und
sich aus grammatikalischer Sicht durchaus mit dem Französischen
messen kann (was die Komplexität anbelangt), konnte ich diese
Reise als Gewinn für meine Russischkenntnisse werten. Der
alltägliche Sprachgebrauch hat mein Verständnis für die Sprache
geschärft. Allerdings möchte ich noch einmal einen
(wahrscheinlich mehrmonatigen) Aufenthalt in Russland
verbringen.
Doch auch menschlich hat mich die Zeit in Moskau nicht
unverändert gelassen. Es ist nicht zu glauben, in welchem
Kontrast Armut und Reichtum in diesem Land aufeinandertreffen,
das sich noch vor weniger als zwei Jahrzenten den Kommunismus
auf die Fahnen geschrieben hatte. Allein in Moskau leben über
30 Milliardäre. Um die 90.000 Millionäre gibt es in ganz
Russland. Demgegenüber steht eine weitverbreitete Armut in der
Bevölkerung. Die Sozialleistungen wurden bereits derart
runtergefahren, dass sie nicht einmal mehr das Nötigste decken.
Ebenso sieht es mit den Mindestlöhnen aus, die nicht einmal den
Grundkonsum refinanzieren können.

Diesen beiden Gegensätzen
begegnet man oft genug in Russland. Sei es auf der Straße oder
in den Medien. Die zahlreichen Neu- und Superreichen leben in
Saus und Braus. In Moskau findet man eines der größten
Kaufhäuser der Welt – das GUM. Edelboutiquen und noble
Autohäuser boomen, dank eines kräftig zahlenden Klientel. Luxus
funktioniert immer! Aber besonders gut funktioniert er in
Moskau. Etwa ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung des
Landes beläuft sich auf das Vermögen der 36 reichsten Russen.
Die Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich belaufen sich
in Moskau auf ein über 50-faches!
Ich war immer wieder erschüttert, wenn ich dem Kontrast
zwischen Armut und Reichtum ansichtig wurde. So sah ich in den
Moskauer U-Bahn Stationen (ich fuhr sehr häufig mi der U-Bahn)
immer wieder absolute Elendsgestalten. Mal war es ein
Alkoholiker im volltrunkenen Zustand, der offensichtlich gerade
genug hatte, um sein Laster zu finanzieren. Dann sah ich wieder
alte Frauen, die mit ausgehöhlter Hand um eine kleine
Gnadenrente bettelten. Das Ganze wirkte auf mich umso
erschütternder, wenn ich mir die Szenerie dieser traurigen
Begegnungen bewusst machte. Die Moskauer U-Bahn Stationen sind
reich mit Mosaiken verziert. An allen Bahnhofstationen
sind Lüster
aufgehängt, die einen maßlosen Reichtum
vorgaukeln, der nur einer absoluten Minderheit vorbehalten
ist.
„Der Eine hat’s, der Andere nicht“, scheint die neue Maxime zu
sein. Vor nobler Kulisse müssen alte Leute betteln gehen. Und
die Bühne dieses Trauerspiels wird mit Kronleuchtern und
dergleichen geziert. Mittlerweile kann man diesen Luxus sogar
aus dem Internet ordern. Hierzulande gibt es eine Seite
namens kristall-kronleuchter.de. So unkompliziert kann Luxus sein, wenn man ihn
sich leisten kann. Gott sei Dank sind wir hier aber noch
nicht so weit, dass wir Kronleuchter in den U-Bahn Stationen
hängen haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wenn
man sich die Tendenzen hierzulande betrachtet und dann
bedenkt, wie rasant sich beispielsweise in Russland die
Schere zwischen Arm und Reich geweitet hat, dann kann einem
Angst und Bange werden.
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